Fluch der geraden Linie

Eine Gerade (*) an sich hat erst mal nichts Verwerfliches. Sie führt in der Regel von einem Punkt A zu einem anderen Punkt B und weist dabei eine variable Länge auf. Die Gerade ist hilfreich, denn sie zeigt uns den Weg. Manchmal. Eine Gerade sorgt sprichwörtlich für eine klare Linie, an der wir uns  orientieren können. Ich, Du, Er, Sie, Es – Wir vertreten eine klare Linie.

Manchmal zeigt sich eine Garde auch von ihrer zickigen Seite. Nämlich dann, wenn sie zum Beispiel senkrecht zu einer anderen Gerade verläuft und diese auch noch schneidet. Von der Schnittstelle aus betrachtet, haben wir nun die vierfache Wahl – Qual. Objektiv gesehen aber durchaus lösbar.

Aber was macht die Gerade nun zu einem Fluch?

Zunächst wäre festzuhalten, dass nicht jede Gerade unmittelbar existent ist. In einem solchen Falle können wir sie weder sehen, noch verschieben oder auf sie zugehen. Diese imaginäre Gerade entsteht allein in unserem Kopf und sorgt, durch ihr permanent veränderbares Wesen, für allerlei Unbehagen. Was uns sonst zu einer klaren Linie verholfen hat, ist jetzt zum Boten des Chaos mutiert. Der Verstand springt von A nach B nach C und zurück. Quer, lang, kurz, waage- oder senkrecht. In der Bemühung, dieser Situation Herr zu werden, verlaufen wir uns häufig und bewegen uns nur im Kreis.

Um eben diesem Kreislauf zu entrinnen, bemüht sich unser Verstand um eine visuelle Lösung. Es sind die kleinen Geraden, die stillen und unauffälligen Linien des Alltags, die zur Hilfe herangezogen werden:

Liegt der Füllfederhalter parallel zum Schreibblock?

Ist das Badehandtuch auf einer Linie mit den Kacheln?

Stehen alle Gläser gleichmäßig aufgereiht?

Hat der Kaffeeautomat einen glatten Abschluss zum Kühlschrank?

Liegen die Fernbedienungen exakt im rechten Winkel zur Tischecke?

Stehen die CDs millimetergenau im Regal?

Dies ist nur eine kleine Auswahl dessen, was wir im Haushalt an Geraden und Linien auffinden können. Nein – auffinden wollen. Denn je mehr visuelle Erleichterungen in unseren Verstand dringen, desto besser kommen wir mit dem eigentlichen Chaos klar. Dafür nehmen wir auch gerne in Kauf, dass täglich mehrere Stunden unseres Lebens vergeudet werden. Außenstehende können zumeist nicht nachvollziehen, welche Erleichterung uns ein sauberes, und im rechten Winkel gelegtes, Blatt Papier bieten kann. Ungläubig wird der Kopf geschüttelt oder die Hand zum Mund geführt um zu tuscheln. Meist so unauffällig, dass wir es wahrnehmen können, sogar müssen.

Für mich fühlt dies alles so an, als wäre ich mit einem Fluch belegt. Die Qual des Gelächters, des tuscheln und des globalen Unverständnisses sticheln mich wie Dartpfeile. Die Suche nach der Geraden, der perfekten Linie rauben mir – trotz der ursprünglichen Erleichterung – langsam den verbleibenden Verstand. Die permanente Kontrolle der kleinen Geraden lässt mich schwer atmen. Die Korrektur des Ganzen, im Kleinen als auch im Großen, lässt mich innerlich verbrennen.

Es ist ein scheiß Fluch – ein Fluch der geraden Linie.

 (*) Den kleinen aber feinen Unterschied zwischen einer Strecke (zwei Endpunkte) und einer Geraden, habe ich zugunsten des inhaltlichen Verständnisses unberücksichtigt gelassen. Man möge mir diese eigenmächtige und    ungenaue Darstellung verzeihen.

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