Gefühle

Gefühle – Bullshit! Brauche ich nicht, will ich nicht. Reste günstig abzugeben. Mir tun Gefühle einfach weh. Ich kann damit nicht umgehen. Schlechte Gefühle sind allemal scheiße, die Guten nur ein trügerisches Vorspiel.

Neid, Hass, Trauer, Reue, Ekel, Furcht, Angst, Scham, Abscheu und Eifersucht stehen der Liebe, Hoffnung, Zuneigung und Geborgenheit gegenüber. 14 spontane Gefühle, die eindeutig wenig Vorspiel bieten aber dafür viel Kummer erzeugen.

Ich verabscheue. Ich will nicht, wie gestern Abend, Angst spüren, nur weil es dunkel und still draußen ist. Ich möchte nicht, wie gestern Abend, Tränen vergießen, weil ich einsam und ängstlich bin. Ich verabscheue, wie gestern Nacht, die Bewegungen, die ich aus dem Augenwinkel heraus wahrnehme. Ich hasse die übermächtigen Schatten an der Wand, groß genug, um mich zu verschlingen. Ich hasse, dass ich hasse. Mit jedem Hass und jeder Abscheu verfalle ich dem Gefühl. Genau jetzt.

Für gute Gefühle habe ich seit Jahren keinen Platz.  Sie liegen im Keller, fein säuberlich getrennt von alten Klamotten und noch älteren Kontoauszügen. Ein kluger Mensch hat einmal gesagt, dass die Dinge, die länger als sechs Monate im Keller verweilen, nicht mehr gebraucht werden. Stimmt. Seit gut zehn Jahren spüre ich weder partnerschaftliche Liebe, noch Geborgenheit oder Hoffnung. In mir ist es genauso dunkel wie in einer Herbstnacht und innerlich fallen die Blätter, die niemand zur Seite fegt. Sie legen sich seit Jahren, wie ein Film, über mein Inneres. Bald ist auch der letzte Teil von mir abgestumpft – dumpf.

16m² atmen mich ein. Wechseln von Licht zu Dunkelheit. Angst zu noch mehr. Ab und an ein paar Tränen, die in mir das Gefühl wecken, doch noch zu leben. Gefühl – da ist es wieder. Ich brauche und will es nicht. Nicht für diesen Preis: Angst, Trauer und vergebliche Hoffnung.

Tabletten sollen helfen. Tun sie vermeintlich. Sie lassen jeden Morgen meine Lider aufklappen und mich ins Graue blinzeln. Sie lassen mich einen weiteren Tag beginnen, ohne mir zu sagen, was zu tun ist. Sie lassen mich meine Reste spüren und ich falle darauf rein, obwohl es schmerzt. Täglich leide ich mehr – oder weniger. Es tut gut, sich in Selbstmitleid zu suhlen. Man – ich – fühlt sich verstanden. Ja, ich verstehe mich gut. Besser als jede andere Person. Nicht einmal meine Therapeutin versteht mich auch nur annähernd. Berühmte letzte Worte: „Ich bin mit meinem Latein am Ende“. Ja, so was schafft Vertrauen und gibt einem Mut. Eher nicht.

Es geht mir gut, während ich dies schreibe. Ein Zwiegespräch mit mir selber. Mein imaginärer Gesprächspartner ist schlau. Lockt mich auf die Gefühlsebene und lässt mich allein stehen. Je mehr ich schreibe, desto häufiger verfalle ich in Widersprüche – Gefühlswidersprüche. Für einen Moment kann ich nicht mehr glauben, was ich eingangs schrieb. Es kommt mir so lächerlich vor. So gefühlskalt, so irrational. Aber Momente sind kurz und schnell finde ich zurück in den Zustand, den ich seit Monaten und Jahren mit mir herumtrage. Langsam legt sich weiteres Laub auf meine Seele, meine Empfindungen – mein Ich. Es wird wieder dunkel. Eine weitere Nacht folgt einer weiteren, folgt einer weiteren, folgt einer weiteren, …

Ich bin wieder da, wo ich anfing. Die Reste meiner Gefühle dominieren. Gehen einfach nicht fort. Nagen an mir, in mir. Fressen das Licht und schaffen Platz für Angst, Traurigkeit und Tränen. Wie lange soll ich noch schreiben und mich dabei selber in die Irre führen? Vielleicht kann mein Verstand es (noch) nicht erfassen, dass Gut und Schlecht immer zusammen existieren – müssen. Das würde einen Sinn ergeben. Vielleicht. Nur jetzt noch nicht. Dazu bin ich im Moment zu müde, zu traurig, zu ängstlich. Ich schließe meine Augen und fühle in die Leere. Meine Sinne verfolgen gespannt die Nacht – meine Nacht. Alles klingt wie immer. Vertraut. Schauderhaft vertraut. Ich lächle, während meine feuchten Augen nervös zucken. Vertraut. Angenehm vertraut.

Vielleicht sollte ich sie doch behalten – die Reste.
Bild: iStockphoto

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6 Antworten zu “Gefühle

  1. Sehr schön und treffend geschrieben so geht es mir auch seid jeher so das ich es auch geschrieben haben könnte :-(

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