Sag doch mal “Nein”

Es ist 6.40 und kalt.

Habe jetzt den vierten Espresso hinter mir. Heizung bleibt aus, denn im Juni wird nicht geheizt. Zudem fühle ich mich extrem verschlafen und überlege, weshalb ich so zeitig aufgestanden bin – nach nur 3 Stunden Schlaf. Plötzlich eine kurze Erleuchtung: der Kalorimeta-Mann kommt gleich.

So weit, so schlecht, denn der gute Mann mit seinen Flüssigkeitsröhrchen hat sich bei meinem Nachbarn angemeldet. Seine kumpelhafte Frage, ob und wann ich kann, habe ich mit Ja und Jederzeit beantwortet. Mach ich eigentlich immer so, nur  diesmal gab es als Sahnehäubchen die Arschkarte kostenlos hinzu.

„Hey, Detlef! Sag mal, kannst Du Freitag den Kalo-Mann reinlassen?“

„Ja, kein Problem. Gib mir einfach die Schlüssel.“

„Er kommt zwischen 8.00 und 10.00. Ist das auch wirklich ok für Dich?“

„Absolut!“

„Musst nicht extra früh aufstehen?“

„Nein! Nein! Alles im grünen Bereich.“

Schwere Worte, gelassen ausgesprochen. Wieso sage ich nicht, wie es sich wirklich verhält? Verdammte Scheiße – Frühaufsteher wider Willen. Eine Win-Win-Situation sieht anders aus. Dabei mag ich meinen Nachbarn nicht einmal besonders. Schon an seinem Einzugstag kam er zu mir und fragte nach Salz.

Ich meine, es gibt auch nette Nachbarn, wo ich gerne hilfsbereit bin. Kommt immer auf die Art und Weise an, wie man sich präsentiert. Aber hier und heute: fail – dislike!

Na, immerhin habe ich etwas Zeit zum Nachdenken und Schreiben. Wobei ich schon einen qualitativen Unterschied zwischen 7.00 und 19.00 feststellen kann. Ich sollte den restlichen Nachbarn auch meine Unterstützung anbieten.

Aber im Ernst – ich frage mich, wieso es mir nicht gelingen mag, auch einmal Nein zu sagen. Es geht ja nicht nur um diesen Einzelfall, den ich als Buße für meine Verneinung der Salzfrage interpretieren könnte. Nein, es geht auch um all die anderen Situationen, in denen ich freiwillig eine Menge Unbill auf mich konzentriere. Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, dass es mir um die freundschaftliche Anerkennung geht. Ohne Ansehen der Person. Freund oder Feind. Gemocht werden um jeden Preis. Opportunismus ohne Pause. Das laufende Band paradox.

Scheiße ist’s und dass ich mich in dieser Rolle nicht sonderlich wohl fühle, kann sich jeder halbwegs intelligente Mensch wohl vorstellen. Was tun? Zum großen Sprung ansetzen? Da hätten wir den bekannten Schweinehund, die wachsende Mauer aus Angst und den immer breiter werdenden Graben der Unsicherheit. Wo soll ich zu allererst zum Sprung ansetzen? Oder ist es letztendlich egal und weder die Gräben, noch die Mauern und Schweinehunde zählen, sondern nur der Sprung an sich?

Ich nehme  dann mal Anlauf …

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