Die Menge machts

TraurigkeitSchmerz, Wut, Traurigkeit, Ohnmacht und Einsamkeit.

Jeder von uns kennt diese Emotionen  – zumindest teilweise und oft nur in kleinen Häppchen. Sie gehören zum Leben, sind Teil der Entwicklung und schlussendlich unabdingbar für die Kommunikation untereinander.

Wir haben gelernt, damit umzugehen: wenn es schmerzt, dann schreien wir, wenn wir wütend sind, dann brüllen wir, wenn wir traurig sind, dann weinen wir, wenn die Ohnmacht uns ergreift, erstarren wir und wenn wir einsam sind, dann hoffen wir.

Mit jeder einzelnen Emotion kommen wir zurecht. Im Rahmen des Möglichen und der Gesellschaft. Wir lassen ihnen ihren Lauf. Mal nur drinnen – ganz für uns, mal nur draußen – dann für alle. Die Akzeptanz ist da. Sowohl bei uns als auch bei den „anderen“. Weil es eben zum Leben gehört. Aber bitte: schön einzeln, schön dosiert und wohl erklärt.

Was aber sollen wir machen, wenn all diese Emotionen gleichzeitig auftreten? Mit einer Wucht, die uns weit zurückwirft, unsere schwer erkämpften Erfolge vernichtet und wir uns schließlich am Ausgangspunkt all unserer Entwicklungen wiedersehen. Darauf ist unsereins meist nicht vorbereitet und unser Umfeld schon gar nicht. Scham, Ekel und Angst sind nun auch ständige  Begleiter – sowohl als auch.

Wann ist es genug? Wie viel können wir davon aushalten? Welche Dosis kann ich noch ertragen?

Traurige Lieder, Alkohol, Tabletten und Schmerzen. Für alle. Für mich. Jetzt. Rettungsboot. So simpel und doch so effektiv. Eine Zeit lang nichts anderes als meinen Körper spüren zu müssen. So schön. Er zittert, schwitzt, schreit und weint. Das ist erlaubt. Kein Platz mehr für die Gedanken. Kein Raum für die Zukunft, die mir so trostlos erscheint. Kein Zimmer für die Menschen, vor deren Verlust ich solche Angst habe. Absolutes Vakuum im Kopf. Konzentration auf das Wesentliche: traurige Lieder, Alkohol, Tabletten und Schmerzen.

Doch der Schein trügt. Das Gute, die Erlösung, die schöne Welt. Einbruch. Bei Dunkelheit. Bei Einbruch der Dunkelheit. Ich stehe wieder am Anfang. Ich spüre das Zittern und das Schwitzen im Kopf. Ich höre die Schreie und schmecke das Weinen. Der Körper fühlt sich leer an. Die Angst vor dem Verlust, die Sicht auf die trostlose Zukunft und all die ängstlichen, wirren, traurigen und schmerzenden Gedanken sind wieder da. Kein Rettungsboot. Nichts erscheint simpel und schon gar nicht effektiv. Es fühlt sich an wie der Albtraum eines Junkies.

Bin ich ein Junkie? Brauche ich immer mehr von all den traurigen Liedern, dem Alkohol, den Tabletten und den Schmerzen? Meine Ehrlichkeit zu mir macht mir Angst. Mein Verstand wehrt sich gegen meine Schwäche, welche mit allen Mittel kämpft. Sie will nicht erkennen. Sie will nicht sehen. Sie verspricht. Rettungsboot. Doch ich spüre noch den „Kater“. Kann etwas gut sein, was am Ende schlecht ist? Die Frage kotzt mich an. Sowieso kein Bock auf philosophieren. In diesem Moment weiß ich, dass mein Verstand verloren hat. Ich höre das Signalhorn eines Bootes. Rettung.

Erneut verfalle ich dem Vakuum im Kopf. Die traurige Musik schmeichelt meinen Ohren, der Whisky schmeckt, die Tabletten gleiten seicht hinunter und die Schmerzen erzeugen kleine rote Linien. Doch spüre und sehe ich, dass etwas anders ist als davor: die Musik ertönt trauriger, der Schluck aus der Flasche ist größer, die Tabletten sind bunter und die Schmerzen zeichnen tiefere Linien. Nur das Ergebnis bleibt unverändert. Mehr unverändert, mehr weniger, mehr gar nichts. Scheiß Spiel. Aufwachen. „Kater“. Schmerz, Wut, Traurigkeit, Ohnmacht und Einsamkeit – alles noch da.

Der Kaffee versucht meine Gedanken zu klären, zu sortieren. Ich starre aus dem Fenster. Die Wolken ziehen schnell vorbei. Ebenso die Menschen. „Hallo – fühlt jemand wie ich?“. Das Fenster ist geschlossen. Niemand kann mich hören. Meine Gedanken explodieren. Ein Film startet: niemand will mich hören. Ich bin ihnen egal. Ich bin allen egal. Tot oder lebendig. Ein Steckbrief für alle. Gesucht wird ein Mensch mit zu vielen Emotionen auf einmal. Tot oder lebendig. Als Belohnung winkt eine etwas ruhigere Welt. Ein Film endet.

Meine Augen sind glasig. Langsam rollen Tränen meine Wangen herab. Realität und Fiktion. Realität und Wahn. Ich kann es nicht mehr trennen. Verstand und Schwäche – ich bitte um Waffenstillstand. Ihr Leute da draußen – ich flehe um Waffenstillstand. Lasst mich einen Moment ausruhen, Kräfte sammeln und durchatmen. Später dann möchte ich Euch was erzählen. Ich will reden von Gefühlen, von Schwäche, von Ängsten und von Schmerzen. Den Kampf zwischen Verstand und den eigenen Unzulänglichkeit erklären. Euch die Angst nehmen. Vor mir, vor uns. OK? Hört mich jemand? Hallo?

Ich bin traurig. Fühle mich hilflos. Traurige Lieder, Alkohol, Tabletten und Schmerzen. NO! Gift für mich, Gift für uns alle. Ich nutze den klaren Moment und beginne die traurigen MP3s zu löschen, verdrehe die Whiskyflasche, fange an die Tabletten zu zermalmen und entschärfe mein Besteck. Für einen kurzen Moment bin ich stolz auf mich. Fühle mich stark. Unverwundbar. So unvergleichlich vernünftig. Bis ich wieder diese Stimme höre. Eindringlich, klar und auffordernd: Rettungsboot.

Da stehe ich nun wieder am Anfang. Meine Gefühle laufen um die Wette. Wer bekommt den Vorrang? Oder endet alles doch wieder in einem großen Gemenge – undefinierbar, aber dafür umso stechender? Es sind diese Momente, die mir all meine Kraft rauben. Ich bin dann einfach nur müde. Will schlafen. Lange schlafen. Für immer schlafen. Tränen schmecken salzig.

Ich hasse meine Gefühle. Zumindest die Anzahl derer. Ich verfluche den Zeitpunkt des Auftretens und die Intensität. Ich verachte die Konsequenzen. Ich verabscheue die Aufdringlichkeit. Ich verachte mich, weil ich nicht in der Lage bin zu steuern. Ich entschuldige mich vorsorglich für die Unannehmlichkeiten. Ich will nicht stören. Ich gehe. Leise. Leide. Mache mich unsichtbar. Weg …

Böse

flamingbul_tyqw1wp8Rote Augen brennen im Wind

Böse

Menschen schubsen im Gedränge

Böse

Auch schöne Lieder enden irgendwann

Böse

Das Telefon schweigt seit Wochen

Böse

Der Blick auf den Rücken der Freunde

Böse

Die Faust um das Messer

Böse

Die Hand am Puls

Böse

Die Liebe schneidet ins Herz

Böse

Gefühle treten nach und nach und nach und …

Böse

Die Stimmen im Kopf

Böse

Die Einsamkeit in der Mitte

Böse

Das falsche Lächeln des anderen

Böse

Der (Tief)Sprung(Gedanke)

Böse

Die dunklen Träume – immer wieder

Böse

Das Leben in dieser Welt

Böse

Bluttropfen auf dem Boden

Böse

Die schmerzenden Knöchel

Böse

Die feinen Narben auf der Haut

Böse

Tränen vermischen sich mit Regen

Böse

Die Sonne (ver)brennt

Böse

Für immer schlafen wollen

Böse?

 

Mein Leben – Böse?

 

fucking emotions

broken-heart-2Gefühle sind Müll. Trash. Diese Erkenntnis trifft mich überraschend und doch war sie so vorhersehbar.

Ohnmacht, Wut, Trauer. Infernalisch. Mein Körper bebt im Innersten und findet keine Ruhe. Ich gehe im spärlich eingerichteten Krankenzimmer unruhig auf und ab. Immerzu auf ein Zeichen hoffend. Welches ist mir egal. Gleichgültigkeit in einem aufgewühlten Verstand. Pillen. Helfen. Ich schaue auf meine zerkratzte Hand. Die Narben sind nicht tief, der Schmerz schon. Ich will heulen, kann es aber nicht. Die Nacht fordert ihren Tribut.

Der Schrank in meinem Zimmer ist mein neuer Gegner. Er hält was aus, widerspricht mir nicht und lässt klaglos meine Faustschläge zu. Jeder Schlag. Ein Tag. Ich habe keine Lust aufzupassen. Es kann, es soll jeder hören. Den Schmerz – meinen Schmerz. Aber es erscheint niemand. Als würde gar nichts sein, als würde ich nicht existieren. Meine Schläge werden schneller, härter und brutaler. Mein Schmerz wird schneller, härter und brutaler. Eine Erlösung. Für einen Moment bin ich abgelenkt von den mentalen Qualen, den fucking emotions.

Tückisch an diesen fucking emotions ist, dass sie zunächst so lieb und nett daherkommen. Endorphinboten, Dopamindealer. Wie der freundliche Nachbar, der nach einer Tasse Zucker fragt. Aber eben dieser Nachbar ist auch jener Idiot, der plötzlich seine Wohnung zum Konzertsaal wandelt und einem gehörig auf die Eier geht. Plötzlich sind sie ganz düster, fast schwarz. Dann handeln die Gedanken vom Tod, dem eigenen Leid und der unsäglichen Trauer, die einem den Blick vernebelt. Der Dopamindealer mutiert zum Handlanger eigener Unzulänglichkeiten. Der Endorphinbote wird zum Überbringer trauriger Gewissheiten.

Die Ohnmacht ist geblieben. Die Traurigkeit tief verankert. Die Hand schmerzt und bisweilen löst sie den emotionalen Stachel in der Brust. Für eine kleine Weile. Dann wieder erscheint die Welt in ihrer unbarmherzigen Brutalität. Rote Hände, zerborstenes Holz, Wut in seiner reinsten Form.

Es ist spät. Der Tag hat mich müde gemacht. Die Dunkelheit draußen legt sich auch über meinen Verstand. Ich schalte aus.

Ich schrieb über Liebe.

Ich schalte ab.

Manchmal stehen

Exif_JPEG_PICTUREManchmal stehe ich so rum – dumm. Minutenlang schaue ich in eine Richtung. Ich spüre das nervöse Zittern meiner Augen. Mein Blick bleibt starr und fest. Die Beine werden weich, aber ich stehe. Einfach so – rum.

Stehen ist gut. Man hat den Überblick und zuweilen verfällt man dem Irr(Glauben), es wäre alles unter Kontrolle. Der eigenen. Gutes Gefühl, starkes Gefühl – wenigstens überhaupt ein Gefühl. Deshalb stehe ich. Einfach so. Einfach rum.

Manchmal steht da auch ein Stuhl. Ich könnte mich setzen und meine Beine entlasten. Täte ihnen sicherlich gut. Aber dann würde ich den Überblick verlieren. Könnte etwas verpassen. Etwas übersehen oder überhören. Meine eigene Schande, meinen Hass auf mich oder einfach nur das grell laute Gelächter über meine Person. Also bleib ich. Stehen. Neben dem Stuhl – man weiß ja nie.

Die Minuten vergehen in Zehnerblöcken und ich bin ehrlich gesagt keinen Zentimeter weiter gekommen. Weder von meiner „Stehstelle“ noch im Kopf. Stillstand. Ich drehe mein Haupt von rechts nach links und wieder zurück. Nichts hat sich verändert. Die Welt dreht sich weiter um Ihre eigene Achse und ich mich noch nicht einmal im Kreis. Ich stehe einfach so rum. Wie dumm.

Dass die Welt sich weiter dreht und mich einfach so stehen lässt, gefällt mir gar nicht. Sie könnte mich doch mitnehmen. Ein kleines Stück. Das wäre fair. Aber ich bewege mich nicht. Stehe da wie ein uralter Baum, der sich nicht einmal im Sturm bewegt. Das ist aber auch schon alles, was ich mit diesem Klotz gemeinsam habe. Seine jahrelangen Erfahrungen, seine Weisheit und Bedächtigkeit sind mir fremd. Ich stehe. Er steht – auf alle Fälle besser da. Ich möchte mich setzen, um alles aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Nur dann verliere ich. Den Überblick, mich selbst und Die.

Die, das sind die anderen. Die, die lachen, weinen, hüpfen, liegen und sitzen. Eben jene, die Bewegung spüren. Die der Erde, die des Kopfes oder die des Lebens. Die anderen eben. Die, die über mich mit breitmundig grinsen. Mich auslachen. Genau Die – möchte ich nicht verlieren. Denn ich will stehen, den Überblick behalten, sehen und hören. Ohne Die ergäbe alles keinen Sinn.

Also stehe ich weiter rum. Einfach so. Diesmal drehe meinen Kopf von links nach rechts und zurück. Alles so, wie es immer war. Kopf- und Körperkoordinaten sind unverändert. Die Welt dreht sich weiter. Mir egal, ob um die eigene Achse oder nicht. Sie soll mich einfach abholen. Jetzt. Sofort. Ich habe keine Lust mehr, mir das Gelächter oder Grinsen jener anzutun, die Die sind. Ich will mich fortbewegen, wegbewegen – einfach bewegen. Sehen und hören. Selber lachen und grinsen. Einfach dann stehen, wenn ich es will. Ohne Not, ohne Druck und ohne Last für die Beine.

Manchmal stehe ich so rum – weniger dumm. Beobachte das Geschehen im Uhrzeigersinn. Meine Augen sind klar. Mein Blick ist erwartungsvoll. Ich freue mich. Ich lache und grinse. Ich lebe.

Nur manchmal, wirklich nur ganz manchmal, stehe ich doch wieder so rum – dumm.

Aber das ist OK.

Weshalb so still?

ausrufezeichenLiebe Leser(innen), liebe Follower, liebe Mitmenschen,

Auch wenn es anders aussieht: dieser Blog ist nicht tot. Ich leide auch nicht unter einer temporären Amnesie, die mir das Schreiben unmöglich macht. Es fehlt mir im Moment einfach nur an Zeit und Muße, da ich mich ständig in irgendwelchen Krankenhäusern rumtreibe. Man, also die Ärzte dort, versuchen aus mir einen möglichst depressionsfreien Menschen zu machen. Leider gelingt es ihnen nicht immer so, wie sie es sich vorstellen. Dann werde ich weitergereicht. Als nächstes steht mal wieder eine Elektrokrampftherapie an. Klingt schrecklich? Ist es aber nicht. Versprochen.

Also – um es kurz zu machen: ich komme wieder, keine Frage. Bitte bleibt mir treu. Danke schön!

Träume

Dream_of_Crime_and_Punishment_1847Ich, Du, Er, Sie ,Es, Wir, Ihr und Die.

Alle träumen. Mal bewusst, mal ohne es zu wissen oder sonst so. Manche schreien. Andere zittern. Viele sonst so. Zu letzteren gehöre ich nicht. Ich war noch nie „sonst so“ und schon gar nicht in meinen Träumen.

Seit gut acht Wochen träume ich in schöner Regelmäßigkeit. So regelmäßig, dass es jeden Perfektionisten erfreuen würde. Ich bin solch einer. Trotzdem freue ich mich nicht. Ich habe Angst. Jeden Abend. Ich habe ich Angst einzuschlafen und dabei zu träumen. Ich schreie und zittere schon vorher. Irgendwann überwältigt mich doch die Müdigkeit. Dann habe ich den Kampf verloren und meine Augenlider klappen zu. Als wären sie aus Blei. Sie schließen sich und ebnen den Weg zu meinen Träumen.

Heimtückisch schleichen sie sich in meinen Schlaf. Hinterhältig attackieren sie meine Ruhe. Ob ich hier von „perfidem“ Verhalten sprechen soll? Ich bin mir nicht sicher. Sei es drum. Es ändert nichts an der Wirkung. An der Weise. An dem Resultat. Das Ergebnis ist letztendlich immer dasselbe: Angst. Vorher. Nachher. Nach dem Albtraum ist vor dem Albtraum. Obgleich die Bezeichnung Albtraum nicht ganz zutrifft. Denn immerhin schreie und zittere ich nicht währenddessen, sondern durchlebe diese Regungen eher vorher und nachher. Was aber die ganze Angelegenheit nicht angenehmer macht.

Kindheit, Internat, Schule, Beziehungen, Agenteneinsatz, Erfolg, Misserfolg, Trauer und Tod. Ich könnte die Liste mit meinen Traumthemen (welch fiese Ironie) endlos fortsetzen. So ziemlich alles kommt in meinen Träumen vor. Sie sind nicht wirklich böse. Keine Monster, kein Abgrund oder Flucht. Trotzdem hinterlassen sie einen äußerst faden Beigeschmack. Am Morgen erinnere ich mich schwach und fühle mich ausgelaugt. Gerädert. Gefoltert. Es sind die Nuancen in den durchträumten Erlebnissen. Sie sind es, die in mir die Angst auslösen. Nicht die großen Effekte – der riesen Knall. Das einfache Versagen in einer, vielleicht bedeutungslosen, Situation. Der Streit mit einem Mitschüler, die Eifersucht in einer, sonst so intakten, Beziehung, der erschossene Agent, die nicht gemachten Hausaufgaben oder mein Erfolg, der gleichzeitig für den Misserfolg eines Mitmenschen verantwortlich zu sein scheint.

Offenbar durchlebe ich in den letzten acht Wochen mein bisheriges Dasein. Nahezu 52 Jahre des Versagens, der Missgunst, des Kampfes und der klitzekleinen Erfolgserlebnisse. Vielleicht macht es mir deshalb so viel Angst, weil ich erkennen muss, dass vieles einfach abgrundtief scheiße war. Und nein: Ich bettle hier nicht um Streicheleinheiten oder sonstiges Mitgefühl. Für all das bin ich selber verantwortlich. Woran ich aber verzweifle ist der Umstand, dass mir all meine Träume diesen Müll seit acht Wochen immer wieder schonungslos vor Augen halten. Ich will nicht mehr. Träumen.  So schön einige Abschnitte meiner Kindheit auch waren (Internat), so erscheinen diese gegenüber dem Rest einfach bedeutungslos und die klitzekleinen Erfolge sind einfach zu schwach.

Ich träume. Leider. Ich würde gern darauf verzichten. Keine Angst, kein Zittern oder Schreien. Endlich schlafen können, ohne dass Ängste mein Wachsein beeinflussen. Gerne gebe ich meine Traumseele dafür her. Wenigstens für eine Weile. Aber das ist alles nur ein Traum – nur diesmal ein schöner.

Ich habe ein Buch gelesen.

DrüberlebenIch habe ein Buch gelesen.

Noch immer bin ich von der kraftvollen und ehrlichen Schreibweise beeindruckt. Bedrückt. Erdrückt. Habe ich geglaubt, die emotionale Bindung zu diesem Buch sei knapp nach der Hälfte seiner 316 Seiten nicht mehr zu steigern, so hat mich das Ende regelrecht eines Besseren belehrt. Dort, wo das Geschriebene endet, beginnt ein neues, für mich als Leser sehr persönliches, Kapitel. Fragmente der Geschichte gleichen sich mit den eigenen Erfahrungen ab und bilden den Anfang einer neuen Denkweise, Betrachtung. Das Ende als „Reboot“ – Neustart.

Nun will ich keinesfalls ausdrücken, dass das, was die Autorin zu sagen hat, nur am Ende relevant ist. Ganz im Gegenteil. Ohne den starken Einstieg, der nach mehr verlangt und dem nachdenklich stimmenden Mittelteil, der unter anderem mit feiner Ironie zu glänzen weiß, würde das Ende niemals so opulent und nachhaltig ausfallen.

Von Anfang an gelingt es der Autorin, ihre Protagonistin Ida glaubwürdig in Szene zu setzen. Schon nach den ersten Zeilen bin ich gedanklich in die Geschichte eingetaucht und vergleiche mich mit den männlichen Akteuren. Ich habe das Gefühl, Ida persönlich zu kennen und bin mir absolut sicher, sie bereits in meinem Leben getroffen zu haben.

Der schwierige Grat, zwischen der Erlebnisgeschichte in der Psychiatrie und der ureigenen Gedankenwelt umzuschalten, klappt hervorragend. Ich habe niemals das Gefühl, dass die emotionalen Passagen hineingequetscht werden, nur um mehr Seriosität vorzugaukeln. Beide Erzählbereiche werden in ihrer jeweiligen Form spannend geschildert und ich ertappte mich dabei, mal jene und mal diese zu favorisieren.

Die Wortwahl ist stark, nachhaltig und einprägsam. Fremdwörter und Anglizismen werden nahezu vollständig vermieden. Der Satzbau ist geschickt und eindringlich. Spannung, Emotion und Ironie werden genüsslich verfasst und landen treffsicher dort, wo sie hingehören. Bandwurmsätze sucht man vergeblich. Für die Thematik Depression nicht unbedingt selbstverständlich und zeugt von dem Talent der Autorin.

Ich bin absolut begeistert von Kathrin Weßling’s Debüt „Drüberleben: Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“. Durch dieses Buch habe ich meine Lust am Lesen wiedergefunden. Danke!

Bild: Goldmann / Amazon